VOM BURNOUT ZU ZEN – MEIN AUFENTHALT IN EINEM BUDDHISTISCHEN MEDITATIONSZENTRUM IN THAILAND

Samstag, September 20, 2014 0 No tags Permalink

Statt Elefantenreiten, zwei Wochen Schweige Meditation in Thailand

 

Wie fühlt es sich an, zwei Wochen in einem buddhistischen Bergkloster zu schweigen?
Gehören Thailand, Buddhismus und Meditation zusammen?
Was ist eine gute Adresse für einen Meditationsaufenthalt?
Ich bin kein Buddhist, ist es trotzdem ok, in ein buddhistisches Kloster zu gehen?
Klosteraufenthalt bei Burnout, eine gute Idee?
Zwei Wochen Schweigen in Thailand, was soll das bringen?
Ich bin ein aktiver Typ, für mich ist das sowieso nichts, oder doch?
Kann ich auch als kompletter Neuling ins Kloster gehen?
Oder was hat der erste Klosteraufenthalt mit Disziplin zu tun?

 

Chom Tong Thailand

Diese und mehr Fragen beantworte ich und glauben Sie mir, selten habe ich etwas Spannenderes erlebt, nämlich mich.

 

Die Ausgangssituation

 

Meine Situation nach einer aufrührenden Saison war typisch, mehr als erschöpft, immer down, total überarbeitet, die berühmte Work/Life Balance monatelang ignoriert, von Freunden enttäuscht und einfach nur noch antriebslos. Man nennt das wohl Burnout.

 

Falls Sie sich irgendwo wiedererkennen, ist es vielleicht auch für Sie eine gute Zeit, ins Kloster zu gehen, wer weiss? Für mich war die Zeit genau richtig.

 

Die vorangegangenen Monate hatte ich als Programmdirektorin gearbeitet, hunderte von Menschen geleitet, informiert, motiviert, verwöhnt, Sicherheit gegeben. Was am Ende von mir persönlich übrig war, war nicht viel. Kann man zu viel geben? Keine Freude mehr an nichts finden?

 

Immerhin erinnere ich mich noch daran, was mich glücklich macht und das ist Sonne.

 

Thailand

 

Gesagt, getan. Laptop aufgeklappt, den günstigsten Flug gebucht und einige Tage später geht es los… nach Thailand.

 

Lächeln, Elefanten und Meditation kommen mir in den Sinn, alles klar.

Mir bleibt noch ein Tag, um mich um eine zweitägige Meditation zu kümmern, muss man wohl machen, wenn mal schon mal da ist.

 

Es gibt einige Internetseiten, die über Klosteraufenthalte informieren.

Ich schreibe einige Adressen an, grundsätzlich solle ich zwei Wochen einplanen, wird mir geantwortet.

 

Ok, bin ein bisschen down aber zwei Wochen brauch ich ja nun wirklich nicht. Ein Meditationszentrum

antwortet und akzeptiert mich für zwei Tage, na dann guck ich da mal vorbei.

 

Die Ankunft im Meditationszentrum

 

Erstens kommt alles anders und zweitens als man denkt und das ist auch so als ich mit vollgepacktem Rucksack auf dem Weg zum Meditationszentrum bin, irgendwo in den Bergen in Thailand, dessen Ort in keinem Reiseführer steht. Ich fühle nichts als unendliche Einsamkeit und Erschöpfung.

 

Ganz am Ende des Sandweges tritt wie aus dem Nichts ein gütig aussehender graumelierter Herr

auf den Weg und lächelt mich ruhig an.

Ruhe, nach so langer Zeit.

 

Was mit mir passiert kann ich nicht erklären, aber Tränen fliessen unaufhaltsam, Tränen der Enttäuschung, Tränen der Müdigkeit, der Desillusionierung und Orientierungslosigkeit, Tränen der Einsamkeit, vielleicht aber auch Tränen der Freude. Irgendwie spüre ich, hier wird alles wieder gut.

 

Ich werde von einer Nonne auf mein Zimmer gebracht, ein leerer, sauberer, luftiger Raum ohne Möbel oder Dekoration, das nennt man wohl Zen.

 

Meditation Thailand

 

Ich schlafe auf dem Holzfussboden, darf mir aber eine etwas dickere Decke unterlegen.

 

Im unteren Stockwerk gibt es eine Küche mit Tisch und Stühlen und einen riesigen leeren Raum.

Eine laminierte Liste informiert mich, welche Regeln ich zu befolgen habe. Das Stück Papier gibt mir Halt in dieser merkwürdigen Umgebung, mit nichts als viel Zeit und wenig zu tun.

Schliesslich sind einige der Regeln, nicht lesen, nicht schreiben, kein Handy, keine e-mails und kein Reden, aha. Dass es für mich als reizüberfluteten Zeitgenossen dann doch so leicht ist, mich darauf einzulassen, verblüfft mich. Brauche ich Ruhe? Ich mag Action und Helau, oder etwa doch nicht?

 

Die Basics

Eine der ersten goldenen Regeln, die ich lerne, ist nichts und niemanden zu bewerten, eine Weisheit, die ich bis jetzt versuche, anzuwenden mit unterschiedlichem Erfolg. Aber wenn es klappt, tut es gut.

 

Wie ich richtig esse, wird mir erklärt. Nur auf das Essen konzentriert in Kontemplation, frei nach dem Motto, „wenn ich esse, esse ich, wenn ich gehe, gehe ich,…“ dieser inflationär genutzte Satz bekommt hier eine ganz andere Bedeutung, hier wird er real und wird praktiziert.

Doch nicht so doof wie ich dachte.

 

Um 06:00 Uhr morgens gibt es Frühstück mit den Nonnen und anderen Meditierenden, um 11:00 Uhr Mittagessen und ab dann nichts mehr. Die Bedeutung verstehe ich erst später, hier wird nicht nur die Seele gereinigt, sondern auch der Körper, es gehört ja alles zusammen.

Die weisse Kleidung wasche ich täglich mit der Hand, Parfum oder Schmuck sind nicht gestattet.

 

Die Idee hinter der Meditation, ist Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. Im Hier und Jetzt zu sein und das abgedroschene Sich Selbst Finden. Ja wo such ich denn? Keine Sorge, Du wirst gefunden.

 

Ich würde zwar nur zwei Tage bleiben, aber die Zeremonie könne ich ja trotzdem mitmachen, wird mir gesagt. Die Idee ist, sich offiziell auf die Regeln Buddhas einzulassen, kein Alkohol, kein Reden, auf dem Boden schlafen, keine sexuellen Beziehungen während der Zeit im Meditationszentrum,… ok da bin ich dabei, wenn ich schon hier bin, dann auch richtig. Zu diesem Zeitpunkt weiss ich noch nicht, dass es doch zwei Wochen werden.

 

Ein Mönch leitet die kleine Zeremonie. Alles ist so fremd, was mache ich hier eigentlich? Komische Klänge, komischer Geruch, komisches Verhalten. Aber ergriffen bin ich trotzdem.

 

Mein erster Tag

 

Am nächsten Tag geht es dann los, ich treffe meine erste Lehrerin:

 

Neben einer kurzen Einweisung und Erklärung von Bewegungsfolgen beim Meditieren und der Frage, warum ich hier bin, passiert nicht viel. Ich bin etwas verunsichert, schliesslich bin ich auf dem Gebiet der Meditation ein totaler Neuling.

 

Ich bekomme eine Einweisung, wie ich mich verbeugen soll, wie ich Respekt zeige, es gibt eine gewisse Abfolge, ich tue mich schwer, finde es auch ein bisschen albern und mag meine Lehrerin gar nicht.

 

Nach mehreren missglückten Versuchen, begegne ich bei meinem nächsten Termin einer Frau, auf die ich mich ganz einlasssen kann, Cathryn Chindaporn.

 

Cathryn Chindaporn in Chom Tong Thailand

 

 

Bei ihr lass ich mich fallen und endlich ein auf die Meditation. Ich beginne, es zu geniessen mich zu verbeugen, Respekt zu zollen, meine Wichtigkeit, nicht mehr wichtig zu nehmen, kleiner zu werden und eins zu sein mit Natur und anderen Menschen. Die Erkenntnis, dass Respekt etwas so Schönes sein kann, macht mich glücklich.

Vielleicht ist das Leben doch nicht so schwer?

 

Meditationsaufgaben für jeden Tag

Ich bekomme eine Aufgabe für jeden Tag, ob ich im Gehen oder Sitzen meditieren soll und wie lange jeweils. Das sieht dann so aus:

 

Ich starte mit der Abfolge der Verbeugungen, dann beginnt die eigentliche Meditation, z.B. erst die Gehmeditation, eine Abfolge des Gehens und Abrollens des Fusses für 20 Minuten, in Gedanken beschreibe ich jede Bewegung: Abheben des Fusses, Hochheben des Fusses, Absetzen der Zehen, Abrollen des Fusses,…Dann 20 Minuten Pause, dann Sitzmeditation wieder 20 Minuten. Jeden Tag eine kleine Erweiterung der Aufgabe, 5 Minuten mehr.

 

Ich habe nur einmal am Tag knappe 20 Minuten Zeit, dem Lehrer zu schildern, was mir passiert ist bei der Meditation und eine neue Aufgabe für den nächsten Tag zu erhalten. Das setzt sich solange fort bis man fast bei einer Stunde angekommen ist. Die Pausen werden kürzer und die letzten zwei Tage, meditiere ich fast durchgängig, nur unterbrochen vom Schlaf.

 

Was mache ich zwischen den Meditationen?

 

Spazierengehen in der Natur am See, langsam, einen Schritt nach dem anderen. Den Meditationsort wechseln, es gibt eine Halle mit Mönchen, einen Raum nur für internationale Schüler oder einfach nur den Balkon meines Zimmers oder ich creme meine Knie ein, die diese ungewohnte Belastung nicht kennen.

 

Pagode Einweihung

 

Und nun kommen wir zu der Frage, was das Klosterleben mit Disziplin zu tun hat.

Der Tag hat 24 Stunden, davon 18 Stunden meditieren (mit Pausen), das ist nicht ohne und nach den ersten paar Stunden kann man sich schon fragen, ob man nicht lieber Elefantenreiten gegangen wäre. Der Tag wird unendlich lang am Anfang, man vermisst normale soziale Kommunikation, wie: „hallo, ich bin Mirja, ich komme aus Deutschland, was machst Du denn hier…“.

 

Doch dann sage ich mir, so viele Menschen können sich nicht irren, folge dem, was Dir gesagt wird, bewerte es nicht im vorwege (Sie erinnern sich) und mal gucken, was kommt.

 

Und so geht es weiter: Täglich Meditieren und 20 Minuten Reden mit dem Lehrer am Tag. Jeden Tag ein bisschen komplexer und die Erfahrungen unbeschreiblich, die man auf dem Weg macht. Natürlich tauscht man sich dann doch eins zwei Mal mit einem Mitmeditierenden aus aber nur kurz, Meditation findet im Innen nicht im Aussen statt und spätestens am dritten Tag möchte man auch gar nicht mehr reden. Ich bin aufregend genug, stelle ich fest und das Gehen oder das Essen, alles dauert auf einmal so lange Zeit, wenn man alles bewusst macht, keine Hektik, nur spüren.

 

Aus zwei Tagen werden wie gesagt 14 und es fällt mir schwer zurückzugehen in die laute bunte und oberflächliche sogenannte „Zivilisation“, die mir so wenig zu geben hatte.

 

Meine anfänglichen Tränen sind versiegt. Es bleibt eine etwas selbstbewusstere Person, die Begegnungen ganz anders wahrnimmt, merkt, ob sie gut tun und sich konsequent zurückzieht, wenn das nicht so ist. Eine Person, die merkt, wie sie sich ernähren soll und dass es gut ist, auf seinen Körper zu hören.

 

Ich fühl mich einfach nur gut. Die Welt gehört wieder mir.

 

Was Sie genau erleben, während so einer intensiven Meditation?
Darüber habe ich noch nicht geschrieben und das wird auch so bleiben.

 

Temple Chom Tong in Thailand

 

 

Die Erfahrungen, die Sie erleben sind persönlich und unendlich wertvoll, machen Sie diese ganz für sich, denn sie möchten sich ja selbst näher kommen und das werden Sie.

 

Ich wünsche Ihnen Durchhaltevermögen, es lohnt sich.
Und ein gut gemeinter Tipp: haben Sie Geduld mit sich,
von Zivilisation zu Zen, das braucht Zeit.

 

WAS SIE STÖREN KÖNNTE:

Knieschmerzen.

Für Anfänger ist eine Kombination aus Sitz- und Gehmeditation vorteilhaft, da wir das ständige Sitzen nicht gewöhnt sind.

Sie sind mitten in den Bergen, nachts kann es kühl werden

 

WAS IHNEN GEFALLEN KÖNNTE:

Das Schlafen auf dem Boden, gut für den Rücken und es schläft sich wider erwarten traumhaft gut

 

WORAN SIE DENKEN SOLLTEN:

Ausreichend weisse Baumwollkleidung einpacken

Ein Mittel gegen Knie- oder Rückenbeschwerden von der ungewohnten Haltung

Eine Stopuhr, um die Meditationszeiten besser einhalten zu können

Bargeld und Briefumschläge, sie bezahlen so viel wie Ihnen der Aufenthalt wert ist, die Klosterküche, Ihre persönliche Lehrerin (Lehrer), die Unterkunft (die häufig von vorhergehenden Schülern gesponsert worden ist)

 

WAS SIE NICHT VERPASSEN SOLLTEN:

Wenn sich die Möglichkeit ergibt, eine Pagode einzuweihen oder eine Zeremonie der Mönche mitzumachen, das sind Augenblicke, die unter die Haut gehen

Achtung: Menschen mit Depressionen bitte seperat informieren, ob Meditation ratsam ist
BEZAHLBAR FÜR JEDEN:

Ihr Aufenthalt in diesem Tempelareal/ Meditationscenter basiert auf freiwilliger Spende.

Das bedeutet, dass Sie erst am Ende Ihres Aufenthaltes eine Gabe, die Sie als fair einschätzen übergeben. Ein Umschlag bekommt Ihre Lehrerin/ Ihr Lehrer, ein Umschlag die Nonnen, die Ihr Essen zubereitet haben und ein Umschlag ist für die Unterkunft.

 

 

Liebe Leser, waren Sie vielleicht selbst schon einmal in einem Kloster oder Meditationszentrum?

Oder haben Sie noch Fragen oder andere Insider Informationen für uns? Es wäre schön, wenn Sie das hier mit uns teilen.

Noch keine Kommentare

Hinterlassen Sie eine Nachricht

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*